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Viktor Orbáns Rede auf der Eröffnungsfeier des neuen Studienjahres an der Tokaj-Hegyalja Universität

Sehr geehrter Herr Rektor! Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrter Herr Regierungskommissar! Sehr geehrter Herr Abgeordneter! Sehr geehrter Senat! Sehr geehrte Lehrende! Sehr geehrte Studenten! Meine Damen und Herrn!

Wir sind nach Sárospatak gekommen, um eine Universität einzuweihen. Die Einweihung einer Universität ist an sich schon ein außergewöhnliches Ereignis, aber es ist mindestens genauso erhebend, wenn wir eine alte Schuld auf beruhigende Weise begleichen können. Und es ist ausgesprochen ein reizendes Geschenk des lieben Gottes, wenn diese beiden Dinge auf einmal geschehen: Wir weihen sowohl eine Universität ein und begleichen auch eine Schuld.

Was für eine Sache ist das, dass erst jetzt eine selbständige Universität an dem Ort entsteht, den man einst auch als „Athen am Bodrogufer” bezeichnet hat! Es ist beinahe eine Sünde, ja geradezu ein Fehler, dass es bisher keine selbständige Universität in der Stadt gab, in der der ungarische Geist schon seit so langem eine Heimstatt gefunden hat. Die Gründe für das Anwachsen der Schuld müssen wir in der Vergangenheit suchen. Wenn wir die vergangenen hundert Jahre der ungarischen Geschichte in einem Bild zusammenfassen wollten, könnten wir dies ruhig die Geschichte der hundert Jahre ungarischer Einsamkeit nennen. In den Jahren dieser Einsamkeit hat Ungarn die Provinz vergessen. Es begann alles mit dem verlorenen Weltkrieg und Trianon. In einem Krieg pflegt es so zu sein, dass sich das Gleichgewicht zwischen Hauptstadt und Provinz auflöst. Im Laufe der militärischen Anstrengungen konzentriert sich die Führung des Landes in der Hauptstadt, die Provinz ist eher Kriegsschauplatz oder die Grundlage für die Versorgung des Militärs. Und Trianon gab auch den Gnadenstoß: Früher zusammengehörende Regionen wurden auseinandergerissen und wurden zur Peripherie. Wir sind hier zurückgeblieben mit der auseinanderreißenden und zurückbleibenden Provinz und einer Hauptstadt, die für ein dreimal so großes Land erbaut worden war. Und das war noch nicht alles. Die forcierte Industrialisierung des Kommunismus und die sozialistische Verstädterung geschahen beide zu Lasten der Provinz. Dörfer wurden unbewohnt, hochfliegende geistige Zentren wurden provinziell. Für die damalige Einstellung war es charakteristisch, dass wenn jemand der Macht nicht gefiel, er dann als eine Art von Verbannung in die Provinz geschickt wurde, um dort zu lehren, ein Amt zu übernehmen, zu arbeiten. Für die Kommunisten war das Land gleichbedeutend mit der Hauptstadt, die Provinz betrachteten sie als ein Ungarn zweiter Klasse. Leider behob auch der Systemwechsel nicht diese historische Ungerechtigkeit. Für die sogar zweimal zurückkehrenden Kommunisten waren das nationale Ideal und die Provinz niemals wichtig, verständlicherweise, denn sie dachten immer im Rahmen globalisierter Weltstädte. Gerade deshalb wurden die wichtigen Debatten in der Hauptstadt geführt, die Investitionen wurden in der Hauptstadt getätigt, die geistigen Kraftzentren wirkten in der Hauptstadt. Auf diese Weise konnte das Zurückbleiben der Provinz nach dem Systemwechsel nicht aufhören, es hörte auch nicht auf, sondern setzte sich fort.

Meine sehr geehrten Damen und Herrn!

Dem möchten wir ein Ende bereiten. Die nationalen, christdemokratischen Regierungen haben einen anderen Blick auf die Welt. Für uns ist die Provinz nicht das Ende, nicht die Peripherie von etwas, sondern die Mitte, das Wesen von etwas. In unseren Augen bilden die Hauptstadt und die Provinz eine Einheit, so wie auch das Nervensystem des Menschen aus zwei Hälften besteht: Die eine Hälfte ist für das Handeln verantwortlich, die Aufgabe der anderen sind die physiologischen Prozesse, die Regulierung der Atmung und des Herzschlags. Wir neigen dazu, das letztere zu vergessen, denn er erledigt seine Aufgabe unbemerkt, pflichtgemäß, ohne aufzufallen und ohne Exhibitionismus. Auch die ungarische Provinz spielt diese unverzichtbare Rolle im Leben unserer Heimat. Ihre Aufgabe ist die Sicherung des natürlichen und gesunden Zustandes der ungarischen Existenz. Es ist also an der Zeit, die Schuld Ungarns gegenüber der Provinz zu begleichen! Wir müssen jene Würde und jene Kraft wiederherstellen, die man der ungarischen Provinz genommen hat. Man muss der ungarischen Provinz endlich das geben, was ihr zusteht!

Meine sehr geehrten Damen und Herrn! Liebe Pataker!

Man sagt, „Stadtluft macht frei“. Daran mag etwas wahr sein, doch ist es mindestens genauso wahr, dass die Provinzluft zum Patrioten macht. Hier lebt sie noch, hier ist sie noch unverfälscht, jene ungarische Denkweise, Körperhaltung, jener Habitus, der die Grundlage unseres Fortbestehens in der Zukunft bildet. Hieraus nährt sich jenes ungarische Sendungsbewusstsein, das unserem Leben einen Sinn gibt, unseren Rechten eine Grundlage bietet, uns unsere Pflichten auferlegt und unsere Ziele festsetzt. Dies verstehen vielleicht nirgendwo anders so viele Menschen und nicht besser als gerade hier, in Hegyalja.

Meine sehr geehrten Damen und Herrn!

Das ist eine besondere Region Ungarns. Hier ist der Genius Loci, der Geist des Ortes, dass dies der Ort des Geistes ist. Und was für ein Geist! Einige Kilometer von hier entfernt, in der Siedlung Borsi, wurde Ferenc Rákóczi II., der durchlauchtige Fürst geboren. Cum Deo pro patria et libertate! Mit Gott für die Heimat und die Freiheit! Bis auf den heutigen Tag bestimmt die Richtung der ungarischen Politik dieser Wunsch, und auch die ungarischen Politiker kommen in der Regel hierher, um Mut zu schöpfen, damit sie zum Schutz der ungarischen Freiheit das tun können, was nötig ist. Das tue heute auch ich. Sárospatak ist die unerschütterliche Burg der ungarischen Reformation, ihre Anhöhe, ihr Berggipfel, und diese Welt ist auch die Wiege der modernen ungarischen Sprache. Unsere Sprache ist die Grundlage des eigentümlich ungarischen Denkens, das nur für uns charakteristisch ist, das Mysterium, Ungarisch zu können. Unsere Sprache trennt uns von den anderen Nationen, doch verbindet sie uns untrennbar miteinander, an welchem Punkt der Welt wir auch leben sollten. Einen Steinwurf von hier entfernt befindet sich das Grab von Ferenc Kazinczy in Széphalom, auch heute noch ein nationales Heiligtum, und das ist es zu Recht. Und da ist der Wein. Vielleicht hätte ich als erstes damit beginnen sollen. Er stählt die Heimatliebe, stärkt den Mut, ist ein Beweis für die Existenz Gottes, und auch die Zunge wird einem leichter. Unbestreitbar ist für die hier Lebenden die Quelle für den Geist des Ortes.

Meine sehr geehrten Damen und Herrn!

Im Lichte all dessen ist die Tatsache, dass die das Handwerk der Winzerei, die Pädagogik und den Schutz des kulturellen Erbes unterrichtende Universität hier in Patak durch eine freiheitskämpferische, christdemokratische Regierung geschaffen wird, nun, das ist nichts anderes als die personifizierte Notwendigkeit selbst.

Meine sehr geehrten Damen und Herrn!

Hier, in der Region Tokaj-Zemplén, werden bald auch über die Universität hinaus große Dinge geschehen. Die Modernisierung der öffentlichen Straßen, Städterekonstruktionen, Dutzende von touristischen, landwirtschaftlichen und industriellen Investitionen werden beginnen. Es beginnt eine Entwicklung auf einem Niveau, für die es in den vergangenen hundert Jahren kein Beispiel gab. Wir müssen nicht klüger sein, als es die Alten waren, doch dürfen wir auch nicht dümmer sein. Wir lesen den Text, den der Gründer des Kollegiums von Patak an die Wand des Schlosses eingravieren ließ. Dies sind die mahnenden Worte des Buches der Sprichwörter: „Gottesfurcht ist Anfang der Erkenntnis.” Obwohl das Zitat an der Mauer des Schlosses damit endet, geht es in der Heiligen Schrift auf folgende Weise weiter: „nur Toren verachten Weisheit und Zucht.” Und wir, Ungarn, sind keine Toren. Ich wünsche uns allen also, dass wir uns nicht wie die Toren verhalten sollen! Bald sind auch die Wahlen da, wir sollten bei Verstand sein! Bis dahin wünsche ich Ihnen, nutzen Sie die Chance, seien Sie stolze Bürger einer stärker, immer selbstbewusster werdenden Nation, die nach Weisheit und moralischer Lehre dürsten.

Soli Deo gloria!