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Viktor Orbáns Rede auf der Beerdigung von Géza Szőcs

Sehr geehrte Trauernde Familie! Sehr geehrte Trauergemeinde!

Es fällt schwer, sich von Géza Szőcs zu verabschieden. Du warst mehr als ein Freund. Du warst Mentor, Stratege, seelische Stütze. Wenn mich vor wichtigen Reden der Mangel an Gedanken oder die seelische Leere bedrängte, gabst Du mir Inspiration, ja Du warst auch mein intellektueller Lebensretter. Géza Szőcs war mehr als ein zeitgenössischer Dichter, mehr als ein Politiker, mehr als eine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens und er war mehr als ein Berater. Ich habe immer mehr von Dir erhalten, als ich erwartet, und mehr als ich verdient hatte. Ich verabschiede mich von einem Freund, mit dem wir nicht nur eine gemeinsame Vergangenheit hatten, sondern wir planten auch die Zukunft gemeinsam. Géza Szőcs war ein Freund im Futur, er hat sich niemals zurückgelehnt und er konnte sich niemals ausruhen, nicht einmal auf seinen verdienten Lorbeeren. Er steckte sich immer neue Ziele, er forschte immer neuen und neuen Aufgaben nach. Zu jeder unserer Besprechungen kam er mit einem Sack voll von Ideen und Arbeit, die natürlich ich zum Großteil mit seiner Hilfe hätte verrichten müssen. Er war im wahrsten Sinne des Wortes mein bester Arbeit-Geber. Er ist erst seit zehn Tagen von uns gegangen, aber mir fehlen bereits seine mir auferlegten Aufgabenstellungen: Wo wir was und wie organisieren, retten oder wiederaufbauen müssten. Die Schaffensfreude verlieh ihm auch in dem grauesten und schwierigsten Alltag Leben. Er bestand konsequent auf 1848, 1956 und 1989, aber auch auf 2148, 2256 und auch 2389. Er glaubte daran, er war sich dessen sicher, er wäre jede Wette eingegangen, dass es Ungarn und die ungarische Nation nicht nur gegeben hat, sondern auch geben wird. Er besaß eine tektonische Vorstellungskraft. Jene besondere Welt, die er in sich trug, und die er von Zeit zu Zeit auch uns einfachen Sterblichen einen Einblick erlaubte – im wahrsten Sinne des Wortes für einen Augenblick –, diese Welt hatte er mit profundem und genauem moralischen Gespür errichtet. Es war ihm selbstverständlich, aus den zahlreichen Zukünften, die er sich vorstellen konnte, immer jene auszuwählen, die für die Nation und die Heimat am besten war. In Wirklichkeit wollte er auch uns hierzu bewegen. Was uns als abenteuerlich oder fantastisch erschien, war in seinem Kopf und seinem Herzen die Zukunft der Nation selbst.

Meine lieben Freunde!

Es gibt Menschen, die kann man in keine Schublade einordnen. Sie sind zu talentiert, zu frei und handeln zu sehr nach ihren eigenen Gesetzen, um jedweder Logik des Kategorisierens zu gehorchen. Géza Szőcs war Géza Szőcs. Wie vor zwei Jahrhunderten einer seiner Genossen im Geiste ausdrückte: Er wohnte dichterisch auf dieser Erde. Und tatsächlich: Seine Wahrheit war eine dichterische Wahrheit, sein Maß war jenes zwischen Erde und Himmel. Dies mochte jenes physische Wunder verursachen, dass er trotz seiner robusten Erscheinung eher als leicht erschien, die Erde und die Gravitation zogen ihn nicht herab, er ging nicht, er schien beinahe zu schweben. Obwohl er die Fähigkeit, die Bildung und auch den Verstand dazu hatte, wollte er doch kein Philosoph werden. Ich glaube, weil er wusste, dass wir Ungarn auch die Metaphysik im Gedicht verstehen und sie im Gedicht erleben. Er hätte auch ein akademischer Polyhistor werden können, stattdessen erzählte er uns unsere Geschichten wieder und immer wieder. Er wusste, die hoch in den Lüften schwebende Heimat muss irgendjemand in der Muttererde verankern. Er lebte sein eigenes Leben. Es war seine Überzeugung, dass dies nicht nur für ihn gut sei, sondern so auch besser für uns alle. Als man ihn damit konfrontierte, dass er kein Mannschaftsspieler sei, sagte er: „Die Mannschaft ist wichtig, häufig ist sie von existenzieller Bedeutung. Aber selbst die besten Mannschaften bauen sich auf individuelle Fähigkeiten und Leistungen auf. Und natürlich auf die Harmonie dieser.” In seiner Auffassung bestand das gézaszőcsartige Wesen der Harmonie darin, dass „wir nicht gegen jene kämpfen, die uns gegenüberstehen, sondern für die, die hinter uns stehen”. Er glaubte, er glaubte fest daran, dass diese einfache Wahrheit ausreicht, um auch unter unseren an der verworrenen Frontlinie kämpfenden Truppen Harmonie herzustellen.

Sehr geehrte Trauergemeinde!

Viele glauben, man müsse die Regierungsmacht für das Gute verwenden. Géza war es, der uns beigebracht hat, dass dies nicht ausreicht. Man muss die Macht nutzen, um mit ihr die größten Dinge zu vollbringen. Dies trennt und dies unterscheidet. Man muss nach oben, in Richtung des Horizonts, auf die Sterne zu streben, nicht vor den Perspektiven erschrecken, nie schwindlig werden. Wenn der liebe Gott dir Macht und Kraft gegeben hat, und wenn du ein Mann und ein Ungar bist, dann kannst du dir nicht weniger vornehmen. Für ihn war dies das Gesetz. Einmal wollte er Königsberg wieder an Europa anschließen, dann verfocht er die Idee der Virtuellen Donau Republik, und ein anderes Mal rief er mit einer sich von selbst verstehenden Einfachheit die reformierten Bischöfe zusammen, damit sie Gesandte nach Mittelasien entsenden. 2010, bei der ersten Legitimation mit zwei Dritteln drängte Géza auf die christlich-nationale Verfassung. Wir ahnten es nur, doch er sah es, was für Stürme auf uns warteten, und er wusste, wir werden sie nur aushalten, wenn wir das Haus auf einen steinernen Fels erbauen. 2014, bei der zweiten Zweidrittelmehrheit sagte er: „Die Zeit ist gekommen, dass wir es zum Regierungsprogramm machen: Wir Ungarn dürfen nicht verschwinden.“ Mit einem Schlag hatte er die Angelegenheit der Demografie in den Mittelpunkt der Regierungsphilosophie erhoben. Wir ahnten es nur, doch er sah, was für eine Aufgabe das ist. Bereits 1995 sagte er: „Das Ungarntum soll zum Familienmodell mit mehreren Kindern zurückkehren, ansonsten wird es gezwungen sein, Siedler hereinzurufen.” Und alle Folgen dessen zu erleiden – können wir hinzufügen. Er hatte es am eigenen Leib erlebt, wie es ist, wenn man in der eigenen Heimat in die Minderheit gedrängt wird. Er empfahl auch, jeden Ungarn in der ganzen Welt zu suchen. Und wenn wir auch so noch nicht in ausreichender Zahl wären, dann sollten wir jene suchen, die uns am ähnlichsten sind. Wenn ich ihn mir vorstelle, dann sehe ich einen modernen Mönch Julianus, der gerade dabei ist, loszugehen, um das zu suchen, was verlorengegangen ist. 2018 schließlich, bei der dritten Zweidrittelmehrheit sah er die Zeit dafür gekommen, um einen weiteren großen Plan herauszurücken, laut dem unser Bestehenbleiben nicht nur eine quantitative, sondern auch eine qualitative Frage ist. Damals nahm er sich vor, der ungarischen Genialität nachzuforschen, alle ungarischen Erfindungen, Ideen, Visionen zu sammeln und die ungarischen Genies zum Dienst für die Heimat zu bewegen. Diese Arbeit unterbrach sein Tod, und ihre Fortführung hinterließ er uns, bis sich nicht sein unlängst ausgeführtes, nennen wir es, politisches Credo erfüllt: „Ich glaube daran, dass die ungarische Nation eine historische Sendung erfüllt, und dass diese Sendung tiefgreifend mit unserer die Seele und die Nation adelnden herrlichen Fähigkeit, der Kultur, zusammenhängt. Ich möchte, dass ein Wissenszentrum in dieser Heimat der Kreuzung, an diesem Treffpunkt von Osten und Westen, Süden und Norden entsteht, der viel gesehen hat. Ich glaube daran, dass unsere Nation zu einer der gebildetsten Nationen Europas wird, wenn auch Gott hilft. Und warum sollte er es nicht tun, denn wir können mit der Auffassung übereinstimmen, nach der die Nation, als sie sich von Gott entfernte, ihm auch dann näherte, nur hatte sie den längeren Weg gewählt.”

Meine lieben Freunde!

Von Géza habe ich auch gelernt, dass nicht jeder Sterbliche ein Schicksal hat, manche besitzen nur ein Leben. Géza besaß ein Schicksal. Wenn du ein Ungar bist, dann kann das Schicksal definitionsgemäß nur schwer sein. Was leicht ist, das ist nach der ungarischen Auffassung auch gar kein Schicksal. Géza war ein glücklicher Mensch, ihm wurde ein schwieriges Schicksal zuteil: Er widersetze sich den rumänischen und den ungarischen Kommunisten, in den unübersichtlichen Zeiten des Überganges versuchte er als leiser, jedoch Profundes aussprechender Dichter den Weg zu weisen. Wir danken Dir, Géza, dass Du trotz Deiner weltliterarischen Größe Zeit für uns hattest, uns als der strenge Wächter der Worte und des Geistes beibrachtest, dass die Brücke aus Worten nur dann einen Sinn besitzt, wenn sie über der Tiefe auf das jenseitige Ufer hinüberführt.

Sehr geehrte Trauergemeinde!

Die Ungarn machen mehr Geschichte, als sie konsumieren können. Wenn das wahr ist, dann war er durch und durch Ungar. Er hatte mehr Ideen, als die Politik aushielt, mehr Worte, als zur Dichtung notwendig waren, und mehr Geschichten, als es Platz für sie in den Lehrbüchern gibt. Ich zitiere ihn: „Ich habe nichts geschrieben, gesagt und getan, wofür ich mich schämen müsste. Ich muss kein einziges Wort in Abrede stellen.” Eine beneidenswerte Lauf- und Lebensbahn. Uns ist nur noch geblieben, kein einziges seiner Worte zu vergessen.

Sehr geehrte Abschiednehmende!

Géza hatte 1986 ein Gedicht geschrieben. Prinz Csaba auf der Laute von Géza Szőcs, dachte ich mir, als ich es las.

„eines Tages werden einige Indianer
über die Beringstraße
über irgendwelche Straßen
dann uns zu Hilfe kommen
dann uns zu Hilfe kommen,
zu uns herübereilen.
Die Indianer lassen niemanden in Stich.
Die Indianer lassen uns nicht in Stich.”

Dreißig Jahre später konnte er noch lesen, konnten wir gemeinsam lesen, als die nach uns kommende Generation der jungen Wölfe schrieb, lieber Géza, er schrieb es auch an uns, dass die Indianer wir sind. Wir sind jene, auf die wir gewartet haben. Ja, Géza, nach uns kommt schon eine neue Generation, eine neue Stimme, ein neues Selbstvertrauen. Siehst Du, Du hast Recht gehabt, hier ist der weitere Beweis: Ungarn und die ungarische Nation waren nicht nur, sondern werden auch sein.

Wir verabschieden uns von einem der Größten. Du gehst jetzt. Wir, die wir noch bleiben, wir wissen, dass wir am Tor der geheimsten, auch ohne Worte gemeinsamen großen ungarischen Sehnsüchte stehen. Und wir wissen, wenn wir es öffnen werden, wirst Du an unserer Seite stehen. Bis dahin sei Gott mit Dir, lieber Freund, Géza! Gott sei mit Euch, Trauernde Familie! Gott sei mit uns, Trauergemeinde!