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Viktor Orbáns Rede auf dem Dankgottesdienst zum Anlass des dreißigsten Jahrestages des Paneuropäischen Picknicks

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin, Herr Kardinal, Hochwürden und Priester, Herr Bürgermeister, Fest- und Gedenkgemeinde!

Es ist für die Bürger des seit dreißig Jahren wieder freien Ungarns eine Ehre, dass die Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland uns an diesem Tag besucht. Mir ist die Auszeichnung zu Teil geworden, die Wertschätzung der ungarischen Menschen, des ungarischen Volkes, ja der gesamten ungarischen Nation zum Ausdruck bringen zu dürfen. Ich bekunde unsere Wertschätzung Ihnen gegenüber, die Sie nunmehr seit vierzehn Jahren, bei vier aufeinander folgenden Wahlen zur Spitzenpolitikerin des bevölkerungsreichsten und stärksten Staates von Europa gewählt worden sind. Ich bekunde unsere Wertschätzung Ihnen gegenüber, die Sie seit langen Jahren über ihre eigene Heimat, Deutschland, hinaus für Europa, für die Zusammenarbeit der europäischen Nationen und die Wiedervereinigung von ganz Europa arbeiten. Das Maß unserer Wertschätzung wird dadurch gesteigert, dass wir wissen: Europa muss wieder und immer wieder, von Diskussion zu Diskussion, von Konflikt zu Konflikt, Tag für Tag erneut vereinigt werden. Die Grundlage Europas stellen unabhängige und freie Nationen dar, weshalb die europäische Einheit nie fertig ist, sie muss immer wieder, sie muss ständig geschaffen werden. Hier bei uns, in Ungarn, wird den Damen gemäß den Regeln der Ritterlichkeit von Vornherein eine besondere Beachtung und Anerkennung zuteil – und vor hart arbeitenden und erfolgreichen Damen ziehen wir schon von weitem unseren Hut. Ich gratuliere Ihnen! Möge Ihre Arbeit auch weiterhin von lautem Erfolg, der Hochachtung des deutschen Volkes und der Anerkennung ganz Europas begleitet werden. Für Ihre Familie und Ihr persönliches Leben wünschen wir Ihnen Gottes Segen.

Ich begrüße hochachtungsvoll die Bürger der Stadt Sopron. Sie nehmen im Herzen der Ungarn einen besonderen Platz ein. Für uns, Ungarn, war Sopron stets die Stadt der Treue, und das ist sie auch geblieben. Wir werden nie vergessen, und es wird in Ungarn in der Schule jedem Kind beigebracht, dass Sopron die Stadt war und die Bürger von Sopron jene Ungarn, Deutsche und Kroaten waren, die sich bei der Zerstückelung Ungarns Kraft einer Volksabstimmung an Ungarn gebunden haben. Ehre der Stadt Sopron! Und wir werden auch nicht vergessen, dass Sie vor dreißig Jahren an diesem Tag zusammen mit Ihren ostdeutschen Schicksalsgenossen die Gefängnismauer durchbrachen, die sich zwischen der freien Welt und Ungarn dahinzog. Mit dem Durchbruch fiel die Mauer, die unsere Heimat von Europa getrennt und zu einem Bestandteil der sowjetischen Welt gemacht hatte. Vor dreißig Jahren ist hier die europäische Ordnung nach dem Zweiten Weltkrieg zu Ende gegangen. Churchill hatte den herabsinkenden Eisernen Vorhang bereits 1946 vorausgesehen, und 1961 wurde mit der Errichtung der Berliner Mauer auch der letzte Spalt in Richtung der freien Welt zugemauert. Wir haben hier, in Sopron, die vom Osten her errichtete Mauer vom Osten her geöffnet, hier haben wir den Weg für die deutsche und die europäische Vereinigung geöffnet. Wir, Ungarn, waren schon immer Befürworter der deutschen Wiedervereinigung. Ich kann mich gut daran erinnern, dass damals wir in Ungarn die Wiedervereinigung in einem höheren Maß unterstützten als die damaligen Deutschen – von Europa ganz zu schweigen. Wir, Ungarn, haben immer gewusst, dass unsere Befreiung aus der sowjetischen Welt nur dadurch endgültig gemacht werden kann, wenn sich die beiden deutschen Staaten vereinigen, und wir mit diesem Schwung und der Unterstützung des vereinten Deutschlands der NATO und der Europäischen Union beitreten können. So wurde Helmut Kohl zum Helden der Ungarn, und aus diesem Grund umgibt seine Person hier bis auf den heutigen Tag eine besondere Verehrung.

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin! Sehr geehrte Festgäste!

Wir, Ungarn, haben unsere Beziehungen zu den Deutschen immer als ein besonderes Verhältnis angesehen. Das ist eine alte Sache. Älter als das Picknick von Sopron, und älter als unsere gemeinsamen Niederlagen im 20. Jahrhundert. Morgen gedenken wir unseres Heiligen Königs Stephan und der Gründung des christlichen ungarischen Staates. Unser erster König hat schwerwiegende Entscheidungen getroffen, die das Leben der Ungarn bis auf den heutigen Tag bestimmen. Er hat unsere Nation in die Gemeinschaft der christlichen europäischen Völker eingebettet. Die Krone ließ er aus Rom, aber seine Frau aus Bayern kommen. Wir alle wissen, wie wichtig solch eine Entscheidung ist. Und, sehr geehrte Festgemeinde, hier vor der Kirche steht auch das Denkmal des erschütternd-schmerzhaften Kapitels der deutsch-ungarischen Beziehungen. Zwei Drittel des Deutschtums von Sopron, der größtenteils evangelischen Gemeinde, wurden 1946 vertrieben und ausgesiedelt. „Taucht unter, versinkt aber nicht” – steht auf dem Denkmal geschrieben. Das ist die Art von Schmerz, die nie vergeht. Gelindert wird er höchstens durch die Freude, dass das Deutschtum von Ungarn, so auch jenes von Sopron wieder eine verwurzelte Gemeinschaft der ungarischen Nation darstellt, das in seiner Anzahl und seinem Selbstwertgefühl stärker wird, und dessen neue Generationen von dem Kindergarten bis zur Universität in ihrer deutschen Muttersprache lernen können, und das seinen Vertreter in das ungarische Parlament selbst wählt. Die christliche Staatsgründung, der Grenzdurchbruch, das an Lebenskraft gewinnende Deutschtum, die besonderen deutsch-ungarischen Beziehungen weisen alle in eine Richtung: die eines starken Europas. Freiheitskämpfer unseres Schlages wussten auch in der Zeit der Teilung, dass es nur ein Europa gibt. Wir haben daran geglaubt und es hat sich wiedervereint. Es hat sich wiedervereint, weil wir daran geglaubt hatten. Auch heute hängt alles davon ab. Wenn wir daran glauben, bleibt die Einheit von Osten und Westen erhalten, und Europa wird wieder zu einem reichen und starken Zuhause der europäischen Völker.

Soli Deo gloria!